März 2002

Nokhur- schon wieder
Im letzten Monat berichtete ich von meinem ersten Ausflug nach Nokhur. An einem Feiertagmorgen bei bestem Frühlingswetter beschloß ich deshalb, nochmals in die Berge zu fahren. (Der Februar hatte eine Reihe von Feiertagen: 18. Februar Geburtstag des Staatspräsidenten, 19. Februar Tag der Nationalflagge, 25. Februar Gurban Bayram).
Mit P., einem Freund, fuhren wir los, im Kofferraum Brot, Käse, Tomaten und Wasser. Man weiß ja nie ...
Zwischen dem letzten Dorf in der Ebene und Nokhur stand ein typischer Aksakal,. einer jener vielen alten würdigen Männer in Tracht und weißem Rauschebart, mit einem Jungen am Wegesrand. Bei sich hatten sie Einkäufe in ein paar Plasiktüten. Woher sie kamen, war uns unklar. Es gab schließlich dort gar nichts mehr außer Fläche, Steinen und einem schönen Bergpanorama. Wir hielten an und nahmen sie eben mit, da es keinen weiteren Weg geben konnte.
G., so hieß unser Fahrgast, fragte uns nach dem Woher und Wohin, vor allem, was wir denn in seinem Dorf suchten. Unsere Neugier fand er spassig. Da wir noch nicht mal einen Bekannten dort hatten, bot er uns schließlich an, zu ihm nach Hause zu fahren und einen Tee zu trinken. (Der Ehrlichkeit halber sei angemerkt, daß wir eine Schale frischen grünen Tees auch im Auge hatten, als wir die Beiden in unser Auto einluden.)
Nach einer bedächtigen Fahrt durch großes Gestein und Tauwasserflüsse, die den Weg unterspült hatten, kamen wir an G.s Haus an. Prächtig gelegen, auf der Höhe über dem Ort, bot sich uns ein schöner Ausblick. G. wurde wegen "seines" neuen Autos sofort von den Kindern der Nachbarschaft begrüßt. Er lud uns ein ins Haus. Mit einer Handbewegung begannen die Frauen, Essen zuzubereiten ... Frischer Fisch wurde zubereitet, im Kessel brutzelte Lamm, Gemüse wurde geschnitten.
2 Stunden später, n
ach einem langen Gespräch und einem vorzüglichen reichen Mittagessen, verabschiedeten wir uns als neue Freunde. Von den neun Kindern (der jüngste Sohn ist 22) leben einige in Ashgabat, die meisten sind im Dorf geblieben. Im Haus selbst waren 15 Familienmitglieder daheim. G. sprach gut Russisch, was die Konversation erleichterte.
Wir versprachen, bald wieder zu kommen.

Gurban Bayram
Der islamische Opferfeiertag geht (in meiner Kurzfassung) darauf zurück, daß ein Vater seinen Sohn opfern sollte, um weiteres Unheil abzuwenden. In letzter Minute wurde ihm erlaubt, ein Lamm statt des Sohnes zu opfern. Seitdem wird dieser Feiertag in der islamischen Welt begangen.
Der Feiertag besteht aus einem gesamten Wochenende einschließlich Montag. Es ist Sitte, daß sich die Familien reihum besuchen, reichlich essen und erzählen. Beliebtestes Gericht ist Plow, der meist von den Männern zubereitet wird. (Ein verwandtes Gericht zum Plow ist Paela- oder die Reispfanne aus dem Tiefkühlregal.)
Nur in Turkmenistan werden zu diesem Fest die Riesenschaukeln aufgestellt. Es gibt keine Erklärung für diesen Brauch. Wie ich las, ist dies ein turkmenischer Volksbrauch seit alters her. Die Schaukeln, in Ashgabat aus stabilen Stahlkonstruktionen bestehend, auf dem Land auch schon mal aus Holz, haben lediglich eine stabile Planke, auf der meist Vier stehen. Meistens sind dies 2 junge Paare, die ausgelassen schaukeln. Geschaukelt wird auch erst mit Beginn der Dämmerung, sodaß sich das Fotografieren etwas schwieriger gestaltete.

Erdbeben

Wie schon im Dezember berichtet, steht t-stan auch für Tajikistan.
Am Sonntag, dem 3. März 2002, reiste ich wieder in Dushanbe ein.
Gegen 17 Uhr Ortszeit war ich im Zimmer im 4. Stock meines Hotels. Plötzlich rumpelte es. Ich dachte, daß ein besonders schwerer LKW an meinem Fenster vorbeigefahren sei und hatte ungute Gedanken wegen des rücksichtslosen Fahrers.
(Die ruhige, nichtdurchführende Strasse in Berlin, an der unser Haus steht, wird gelegentlich von Auto- Abschleppern benutzt, die zum Polizei- Verwahrplatz am anderen Ende donnern. Besonders in den ganz frühen Morgenstunden scheinen die Fahrer diese Strecke zu lieben.)
Ebenso schnell war mir das Absurde des Gedanken klar. Die Bogenlampe am Bolzplatz unter dem Hotelzimmerfenster schwankte wie im Wind, von der Decke rieselte weißer Putz. Ich nahm meinen Rucksack mit der Kamera, Pass, Geld und Notebook und rannte die Treppen nach unten. Die Deschurnaya an der Rezeption lachte über mich (und die anderen Ausländer), die nach draußen stürmten. So schnell bin ich noch nicht aus einem Hotel gerannt.
Das Beben dauerte ungefähr 5 Minuten. Tröstend (wegen des beleidigenden Grinsen der Rezeptionistin) war, daß die Bewohner der Plattenbauten noch eine Stunde später auf den Strassen standen , da sie weitere Beben befürchteten.
Wie sich ein Beben anfühlt: Man stelle sich im dicksten Berufsverkehr an eine stark befahrene, aber sehr schlecht erhaltene Strasse mit unzureichendem Unterbau und hoffe, daß mindestens 20 Schwertransporte mit mangelhaft gesicherter Ladung bei überhöhter Geschwindigkeit nacheinander vorüberpoltern.
Nachsatz: Das Epizentrum lag in Nordost- Afghanistan, wo es mit etwas über 10 auf der Richter- Skala Beschädigungen verursachte. In Dushanbe hatte es noch eine Stärke von 6,5. In der Zeitung war zu lesen, daß es das stärkste Beben seit 19 Jahren war. In Tajikistan kamen keine Menschen zu Schaden. In Afghanistan allerdings starben mehr als 160 Menschen.


Frauentag

Der Internationale Frauentag ist in den Staaten der ehemaligen Sowjetunion immer noch staatlicher Feiertag. Blumen machen sich schlecht per Internet. Ich fand ein Transparent mit einer nachdenkenswerten Losung, das exakt gegenüber der Ausfahrt aus dem Präsidentenpalais in Tajikisch und Russisch angebracht war. Aus verständlichen Gründen konnte ich es nur sehr seitlich fotografieren.
Wer noch mehr zu diesem Tag wissen will, schaue hier .

Zwischenlandung

Die Verbindung der Außenwelt nach Dushanbe ist recht kompliziert.
Per Auto kann das Land nur in der warmen Jahreszeit erreicht werden, da die Straße aus Usbekistan über das Warsob- Massiv nach Dushanbe führt. Sie ist im Winter gesperrt.
Es fliegen kaum ausländische Fluglinien nach Tajikistan. Die Flugpläne zwischen den zentralasiatischen Republiken sind zudem ungünstig abgestimmt, sodaß immer einige Tage Wartezeiten in Almaty (Kasachstan) entstehen würden. Eine interessante Verbindung geht via Meshed im Iran, was allerdings ein weiteres Visum erfordert. (Für Reisende in diesen Regionen solltem Pässe im XL- Format mit mindestens 50 Seiten gedruckt werden, um annähernd die Laufzeit von 5 Jahren ausnutzen zu können. Jedes Visum belegt eine Seite im Paß.)
Oder man wählt den Flug der Tajik Air ab München via Istanbul nach Dushanbe (samstags, 18 Uhr, ab MUC/ sonntags, 6 Uhr, an DYU). Ein- und Ausstieg in Istanbul ist möglich.
Tajik Air fliegt den Internationalen Flughafen Göchem auf der asiatischen Seite an, Turkmenistan und Turkish Airlines fliegen nach Ashgabat von Atatürk International Airport auf der europäischen Seite. Transfer per Taxi kostet USD 35 (Festpreis).
Für mich am angenehmsten in dieser riesigen, leicht chaotischen Stadt ist das Viertel Taksim mit seinem Fußgängerbereich. Mich erinnert dies ein wenig an Berlin, die Oranienburger oder Simon- Dach- Straße oder die Gegend um den Kollwitz- Platz. In den Seitengassen gibt es kleine Kneipen, Restaurants und Cafes, in denen nicht nur die vorzügliche türkische Küche, sondern auch europäische Musik genossen werden kann. So verbrachte ich den Samstagabend bei Punk- Musik im Guitar- Cafe. Die Gasse geht ab zwischen Garanti- Bankfiliale und Sportland- Geschäft, das Cafe ist ein zweietagiges, altes Haus mit Holzbalkendecken, in dem in der oberen (!) Etage die kleine Bühne ist.